Die Nordstadt – Stadtteil mit bewegter Geschichte 

Die Nordstadt ist ein seit etwa 150 Jahren gewachsenes Viertel. Seine Wurzeln sind jedoch etwa genauso alt wie die Stadt Hildesheim selbst – etwa 1200 Jahre. Als Kaiser Ludwig der Fromme 815 Hildesheim zum Sitz eines Bistums erhob, existierten bereits zahlreiche Dörfer im fruchtbaren Gebiet der Innersteniederung. Eines davon wird in einer Urkunde aus dem Jahr 1135 als „Aldendorp“ bezeichnet und lag etwa dort, wo sich heute der Hauptbahnhof befindet. An diese Siedlung erinnern noch heute die Straße „Altes Dorf“ am Nordausgang des Hauptbahnhofes sowie die Ohlendorfer Brücke.

Die Entwicklung der Nordstadt zu einem Industrie- und Wohngebiet ist auf das Engste mit der Verlegung des Hauptbahnhofes verbunden. Nachdem bereits 1846 ein Bahnhof im Bereich Bahnhofsallee / Kaiserstraße errichtet worden war, entsprach er in den 1870er Jahren nicht mehr den Erfordernissen des erweiterten Bahnnetzes. So fasste man den damals kühnen Plan einen neuen großen und noch ausbaufähigen Bahnhof wesentlich weiter nördlich zu errichten. Nach seiner Einweihung 1884 wurde auch ein neuer Güterbahnhof gebaut. Aufgrund dieser Konstellation siedelten sich innerhalb weniger Jahre zahlreiche Industrieunternehmen an, wie die „Sparherdfabrik A. Senking (1903), die Zuckerraffinerie (1883) sowie die „Glasfabrik Seegers & Mellin“ (1882). Aber auch städtische Institutionen wurden in der „Welt hinter der Bahn“ angesiedelt – so der Schlachthof 1890 und wenig später der Milchhof. 1890 erfolgte auch die Gründung des „Centralfriedhofes“.

Die zahlreichen neuen Betriebe sowie der Bahnhof zogen auch immer mehr Menschen in den sich neu entwickelnden Stadtteil. Da sich die Einwohnerzahlen in Hildesheim von 1875 bis 1910 mehr als verdoppelten (von gut 22.000 auf über 50.000) war Wohnraum damals äußerst knapp. So entstand innerhalb der gerade gebauten Ringstraßen (Röemerring, Cheruskerrring, Karolingerring –seit 1933 Martin-Luther-Straße- und Sachsenring) eine mehrgeschossige Blockbebauung. Erste angelegte Straßen waren die Leunisstraße (1892) und die Ottostraße (1894). Bis heute existieren teilweise noch sehr schöne Häuser im Jugendstil (z.B. in der Hasestraße). In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts erfolgte die Ausdehnung der Wohnbebauung nach Norden, wobei vor allem Reihenhäuser entstanden (1928 das „Fliegerviertel“, 1936 die „Gartenstadt Nord“).

Trotz der zahlreichen Betriebe und vielen Menschen, die inzwischen ihr Domizil in der Nordstadt gefunden hatten, fehlte es lange an der notwendigen Infrastruktur. Erst nach dem 2. Weltkrieg, in dessen Verlauf auch beträchtliche Schäden zu verzeichnen waren, entstanden Schulen (1954 Nordstadtschule, 1954/55 Berufsbildende Schulen, 1971 Robert-Bosch-Gesamtschule) sowie Kirchen (katholische Johanneskirche 1950, evangelische Martin-Luther-Kirche 1954). Aber auch zwei Moscheen sowie die jüdische Gemeinde befinden sich heute in der Nordstadt und fördern in diesem Stadtteil das Miteinander zahlreicher Kulturen.

Im Zeitalter der postindustriellen Gesellschaft kam es zu bedeutenden strukturellen Veränderungen. Heute befinden sich an der  Stelle vieler  Industrieunternehmen und Kasernen Gewerbegebiete mit zahlreichen Super- und Baumärkten. Durch die Sanierung der südlichen Nordstadt zwischen 1986 und 2008 konnte die Wohn- und Lebensqualität deutlich verbessert werden. Der „Stadtteil hinter der Bahn“ wurde zu einem attraktiven, aber preiswerten Wohnquartier mit grünen Freiflächen umgestaltet. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des ehemaligen Glashüttengeländes, dem heutigen „Friedrich-Nämsch-Park“ im Herzen der südlichen Nordstadt. Verschiedene Initiativen versuchen das „Wir-Gefühl“ der Nordstädter zu fördern, wie z. B. seit 2010 mehrere Straßenfeste in der Martin-Luther-Straße – genauso wie der im Januar 2017 gegründete Stadtteilverein „Mehr.Wert.Nordstadt“.

 

Text: Alexander Dylong, Historiker

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